Dem Ritual entrissen: Die Künstlerin Emely Neu überführt das Interview als „Performatives Interview“ in die Hyperrealität

A: „Wir suchen das Unerwartete. Unsere Ängste im Gegenüber, das Persönliche auf unbekanntem Terrain. Wir geben die Situation aus der Hand, im Bewusstsein, dass schon diese Form des Gesprächs an sich eine fiktive ist. fiction+fiction=hyperreality. Willkommen in einem neuen Raum!“

Okay, danke, aber was war eigentlich die Frage?

Das Interview, das von einem System aus Fragen und Antworten strukturierte Gespräch, wurde dem Journalismus längst von anderen Disziplinen entrissen. Von den Kurator-Gesprächen eines Hans Ulrich Obrist bis hin zur dokumentarischen Kunst: Inter- views werden mittlerweile auch als allein tragende, schöpferische Mittel begriffen. Doch was kann die Kunst dem Interview zurückgeben? Wie kann sie es neu denken und weiterentwickeln, die über die Jahrzehnte eingetretene Konservierung aufbrechen? Während ihrer Residenz am Hamburger Fleetstreet Theater gibt Emely Neu darauf Antworten. Neu hat die künstlerische Praxis des „Performativen Interviews“ entwickelt. Die Künstlerin/Journalistin verwandelt das klassische, heute in ritualisierter Form erstarrte Format des Interviews mit den Mitteln des Theaters in eine unberechenbare Performance des Austauschs und der Wahrheitsfindung. In “With Choir” ist das Gespraech ungescripted, das Live-Interview findet auf der Bühne und vor Publikum statt. Neu und ihre jeweilige Gesprächspartnerin sind jedoch nicht allein: Inspiriert von Brecht greift ein Chor performativ improvisierend in die Gesprächssituation ein und rekontextualisiert typische Elemente eines Interviews. Die klassischen Hierarchien – jene zwischen Interviewer und Gast, zwischen Fiktion und Realität – geraten ins Wanken. Das Interview wird zu einem Überkreuzspiel zwischen vier Polen, bei dem das Publikum aktiv am Reflexionsprozess teilnimmt. Die Fiktion des nicht privaten, öffentlichen Gesprächs wird von jener des Theaters überlagert. Ein Raum der Hyperrealität entsteht.

Die international bekannten Musikerinnen Peaches und No Bra wagten schon die Teilnahme an einem „Performative Interview“. Emely Neus Arbeiten waren bereits in London und Berlin zu sehen. Im renommierten ICA, in dem schon Mary Kelly, Steve Mc- Queen oder Fiona Rae ihre ersten Soloausstellungen hatten, war ihre Arbeit „With Choir“ im letzten Jahr als Teil der „Bloomberg New Contemporaries“ zu erleben.  Zuletzt hat Neu zudem den Band „Let’s Start A Pussy Riot!kuratiert. Die Künstlerin hat dafür mit u. a. Yoko Ono, Tocotronic, Kim Gordon, Vivien Goldman, Antony Hegarty, CocoRosie, Jenny Holzer und natürlich den Aktivistinnen von Pussy Riot selbst zusammengearbeitet. Nun bringt sie die „Performative Interviews“ erstmals nach Hamburg.

Das Programm ihrer mehrwöchigen Residenz in Auszügen:

23. Mai, 19 Uhr: Gespräch mit Kerstin Petermann

Emely Neu trifft Kerstin Petermann zum ersten Mal persönlich, um mit der Interview-Forscherin, Journalistin und Buchautorin, das Konzept des Interviews auf der Bühne zu diskutieren.
http://peterfrau.de/

27. und 28. Mai, 19 Uhr: Filme aus SuedOst London

Emely Neu hat von 2009 bis 2013 in London studiert, besitzt einen MRes Performance and Creative Research und einen BA Music Journalism. Aus SuedOst London zeigt sie nun Filme der Videokünstler Robert Bidder, Ian Parkin und Sangam Sharma, die sich in ihren Arbeiten mit dem Leben vor Ort und der Architektur auseinandersetzen.

Robert Bidder: http://robertbidder.tumblr.com/
Ian Parkin: https://www.facebook.com/theoldkentroad Sangam Sharma: http://www.sangamsharma.com/

5. und 6. Juni, 20 Uhr: „Mit Chor“

In einem ihrer „Performative Interviews“ trifft Emely Neu vor Publikum auf einen prominenten, noch bekannt zu gebenden Gesprächspartner und einen Chor, der sich frei improvisierend in das Gespräch der beiden einschalten wird.

www.performative-interviews.com

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